China Daily

 

Englerts Blick bleibt nicht an den Vorzeigeobjekten des modernen China hängen, sondern wandert hinter die Kulissen von Kultur und sozialistischem Aufbau. Beide bilden eine Folie - die Kinder, die mit ihren Musikinstrumenten gerade von einer Veranstaltung kommen, die Frau, die sich mit zusammengelegten Händen vor dem meditierenden Buddha photographieren läßt - werden aber selbst nicht Gegenstand der Bilder. Der Blick des Photographen schweift in die Nebenstraßen und kleinen Gassen, gilt dem Alltagsleben jenseits des Wirtschaftswunders der Sonderwirtschaftszonen. Poetisch geraten seine Bilder und auf den zweiten Blick sehr nachdenklich. Nicht nur durch Kontraste: ein japanische Mittelklassewagen zwischen Straßenhändlern und Fahrradfahrern, eine alte Frau sitzt vor einem Geschäft mit modernen Stereoboxen und gibt einem Säugling die Flasche. Es liegt etwas in den Gesichtern, die Englert ausgewählt hat. Etwas wie Desinteresse am eigenen Los, "ein Ausdruck der Resignation, des Sich-nicht-Einmischen oder Engagieren-Wollens", wie Gisela Mahlmann, Chinakorrespondentin des ZDF, in ihrem Vorwort schreibt.

Den Bildern stellt der chinesische Dichter Yang Lian seine Gedichte gegenüber. In seinen Gedichten reflektiert er sein Exil und die politische Situation in seiner Heimat. "Eine Kette in den Fluß geworfener Schädel türmt sich zum Heute/ Eine Hand wird so lange von einem Vogel widerlegt, bis es ihr die Sprache verschlägt." So wie den Menschen auf Englerts Photos. Englert und Yang entlarven das Bild, das die chinesische Regierung von ihrem Land zeichnet.

 

China Daily 1995

Fotos von Alexander Paul Englert, Gedichten von Yang Lian

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag